Freitag, 27. Mai 2016
Die schrecklich adrett aufgetakelte Rentnerin im randberliner Stadtwäldchen und ihr tägliches Hobby des FangDebutizens
Sie wissen tatsächlich nicht, was FangDebutizen ist??? Obwohl Sie garantiert schon einmal darin verwickelt waren? Ich kläre Sie sehr gern auf, meine geneigte Leserschaft - es ist das neueste Hobby der Berliner Nichtmehrarbeitnehmer über 65 Jahre! Täglich spazieren diese mehrfach gelangweilt durch die unzähligen Grün- und Parkanlagen unserer schönen Hauptstadt und praktizieren dabei aktiv jenes besagte "Fang-Dir-einen-Berufstätigen-und-texte-ihn-zu" oder kurz "Fang-D-e-B-u-t-i-zen". Dämmert es jetzt bei Ihnen? Aaaaaahhhhh! Und schon wissen wir wahrscheinlich sehr genau, worum es der Verfasserin dieses Textes hier geht - oder? Ach, Sie meinen gleich, dass dies kein Hauptstadtphänomen ist, sondern eine gesamtbundesdeutsche Erscheinung? Das ist sehr gut möglich und Sie dürfen auch sehr gern schmunzeln!

Auf alle Fälle liegen dem FangDebutizen einige sehr fundierte höchst wissenschaftliche Erkenntnisse zu Grunde, die ich Ihnen auf keinen Fall vorenthalten möchte! Als da wäre, dass sowohl Frauen als auch Männer (und zwar egal welchen Alters) laut einer kürzlichen Veröffentlichung im "Science"-Magazin täglich dieselbe Anzahl von Wörtern von sich geben. Männer werden jetzt den Kopf schütteln und sofort sagen "Niemals!" und Frauen werden sofort mit dem Kopf nicken und sagen "Das habe ich Dir doch schon immer gesagt!" Aber da mir diese Männlein-Weiblein-Vergleiche zuwider sind und Vergleiche zwischen beiden Geschlechtern im Allgemeinen schon zu blöd sind, brauchen wir auch hier nicht tiefer in die Materie einzutauchen - stimmt`s?

Aber eines ist Fakt: je weniger Worte über den Tag verteilt gesagt wurden, je mehr ergießen sich dann über Dich, wenn Du beim FangDebutizen gefangen wurdest - oh ja! Das blöde daran ist, dass man als fleißiger Arbeitnehmer einfach zu oft zum Opfer dieser Seniorensportart wird und sich derer aus moralischen Gründen dann leider ganz schlecht entziehen kann. Die Bevölkerungsstatistik unserer geliebten deutschen Heimat verdeutlicht uns dabei kein Geheimnis - die Anzahl von Rentnern nimmt drastisch zu! Dies ist aber um Gottes Willen nicht als etwas Schlechtes zu bewerten, sondern unbedingt als positives Zeichen der gewachsenen Lebensqualität in unseren Gefilden...

Nichts ahnend gehe ich also in angenehmer männlicher Begleitung durch ein hiesiges Waldstück, mein fröhlicher Vierbeiner ist natürlich auch dabei - alles ist perfekt! Vorab noch kurz eine wichtige FangFrage an meine Leserschaft: Wo geht man nach einem erfolgreichen Arbeitstag hin, um in Ruhe abzuschalten - in ein Einkaufszentrum oder in einen Wald??? Richtig!!! In einen Wald natürlich! Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben und, dass wir uns auch noch einig sind!

Denn was wir alle samt nicht wissen, dass jedes Fleckchen Grün ganz offiziell und legal zu einem inoffiziellen FangDebutizen-Spielfeld erklärt werden darf, sofern sich auch nur ein einziger Fänger darauf befindet - und dann Gnade-Dir-Gott solltest Du der intensiven Kommunikation mit Senioren gewachsen sein oder Du gehst ein wie eine Primel ohne Wasser...

Aber weiter im Text mit dem nichtsahnenden Spazierrudel, dass plötzlich an einer Waldwegeskreuzung auf die Person trifft, um die es bereits in der Überschrift geht. Ein perfekt altfrisiertes Parfümwölkchen mit passendem Pfiffi steuerte schurstracks auf uns zu! Und da kriege ich schon immer von Weitem die Krätze! Die Seniorin hatte exakt an dieser Kreuzung die überwältigende Auswahl zwischen 7 (sieben!!!) Wegmöglichkeiten - und-ja-natürlich-muss-sie-genau-dalang,-wo-wir-gerade-sind!!! Heilandsherrgottnochmal!!!

An ihrer farblich zum Spazierkostüm abgestimmten Hundeleine befand sich eine wollknäuelartige Strickmiez, die schon von Weitem kläffte und keifte, sodass jeder wusste, dass dies definitiv ein kleiner fieser Giftzwerg ist! Wie der Herre, so das Gescherre - allgemein ist bekannt, dass Hunde das charakterliche Abbild ihrer Besitzer sind - stimmt`s? Uns erwartete also ein weiblicher senioraler Giftzwerg samt strubbligem animalischen Giftzwerg auf dem selben Weg und damit wären wir dann aber nach Strich und Faden geFangDebutizt worden - und, ey Leute, was soll ich Euch sagen - darauf habe ich nach Feierabend einfach mal null Bock!!! Nö!!! Nix da!!!

So schnappe ich mir einfach mal ganz schnell meinen Hund und laufe querfeldein durchs Gestrüpp, um dieser Kommunikationsattacke zu entgehen! Ihr Lieben - ich habe beruflich mit Menschen zu tun, ich habe garantiert meine 70.000 Wörter pro Tag schon an meinem Arbeitsplatz gelassen und bin deshalb danach so maulfaul, dass ich mich für generationsübergreifende FangDebutizen-Gespräche definitiv nicht eigne! Ich wäre nicht mal mehr ein aufmerksamer Zuhörer...

Mein Begleiter konnte sich allerdings dem adrett gekleideten Charme der FangDebutiz-Spielerin nicht erwehren und tappte hoffnungslos in die Falle! Mist! Ich wartete natürlich seelenruhig einige Meter entfernt bis die Rentnerin alles losgeworden ist, was ihr als so dringend wichtig erschien... "Sie müsste ganz dringend nach vorn zur Straße..", klimperte sie ganz unschuldig und versuchte engelsgleich zu wirken. Geht man schlendernd durch ein größeres Waldstück, wenn man "ganz dringend" nach vorn zur Straße muss??? Nein!!! Dann folgten noch weitere Entschuldigungen für ihr FangDebutizen-Dasein und dann ließ sie meinen Weggefährten endlich wieder frei...

Der arme Mann verstand leider so gar nicht, dass er gerade zum FangDebutizen-Opfer wurde und empfand die ganze Situation auch als überhaupt nicht schlimm. Sämtliche Versuche, ihm zu erklären, dass es für die ältere Generation auch schon bereits tagsüber ausreichend Angebote gibt, um ihr umfangreiches Weltwissen weiterzureichen, scheiterten an seiner mangelnden Emphatiefähigkeit - was soll ich da noch sagen... Aber in der näheren Umgebung gibt es wirklich alles, was ein FangDebutizen-Herz höher schlagen lässt: Bäcker, Fleischer, Gemüsehändler, Zeitungskioskbesitzer, Apotheker, Friseure, Optiker, Fußpfleger, Physiotherapeuten, Kirchen, Ortsvereine, Bushaltestellen - und Supermärkte!!!

Also warum zum Piepen nochmal muss ich als Berufstätige nach Feierabend an senioraler Kommunikation teilnehmen??? Ihr lieben Alten - ich bin von der Arbeit erschöpft! Ich möchte meine Ruhe haben! Also bitte lasst mich in Ruhe - schließlich erwirtschafte ich u.a. Eure Rente! Und bei allem Respekt für die ältere Generation - aber bitte habt auch Respekt vor meinen Bedürfnissen! Und ich möchte eben nicht nach der Arbeit noch FangDebutizen spielen! Dafür gibt es tagsüber sogar Menschen, die verdienen damit ihr Geld - also bitte fangt Euch diese - geht das???

Oder sollte ich mich tatsächlich zu einem belanglosen Gespräch über Warzen und Rheuma hinreißen lassen? Bin ich moralisch dazu verpflichtet, dies zu tun? Muss ich in diesem Fall mein Bedürfnis nach Ruhe vernachlässigen? Ist jemand der Meinung, dass man die paar Worte nun auch noch abkönnen sollte? Was ist, wenn dieselbe Seniorin mich wiedertrifft und enttäuscht feststellen muss, dass ich ihr letztens gar nicht zugehört hatte? Weil ich eben schon müde war... Warum müssen denn eigentlich die Rentner zum FangDebutizen in den Wald? Kann unsere Bundesregierung nicht einfach ausreichend FangDebutiz-Spielplätze ab ca. 4.30 Uhr morgens zur Verfügung stellen? Warum ist das mit den generationsübergreifenden Gesprächen eigentlich immer so schwer? Gibt es jemand in diesem Land, der sich mit den FangDebutiz-Spielregeln auskennt?

Denn das ist die Welt, in der ich lebe - erklär`sie mir, ich find`sie nämlich blöd!