Sonntag, 12. Juni 2016
Die nicht ausprobierten Cremepröbchen aus dem Briefkasten und deren unweigerlich trauriger Zusammenhang mit der Welt, die uns alle tagtäglich umgibt
Eigentlich handeln meine stets liebevoll verfassten Texte in diesem Internetmedium immer von Menschen, bei denen es unwahrscheinlich doll menschelt. Einzige Ausnahme bis dato war mein gescheitertes Sandförmchen-Experiment. Da meine allgegenwärtige Aufmerksamkeit aber mit Vorliebe den kleinen Dingen des Lebens gilt und ganz speziell den Dingen, die die meisten Menschen definitiv für unwichtig halten, geht es heute um westdeutsche (!!!) Cremepröbchen bzw. um deren achtloses Wegwerfen nach freizügigem Geschenktwerden - menno!

Wer an dieser Stelle nicht weiterlesen möchte, kann dies tun! Die Macht in einer zwischenmenschlichen - und in unserem Fall zwischenleserlichen - Beziehung hat immer der, dem sie egal ist. Kurze Denkpause... Mit dem Entschluss des Weiterlesens... Habe ich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit? Na dann - auf geht`s!

Es gibt ein englischsprachiges Sprichwort, das ungefähr so geht: You have 10.000 spoons and all you need is a knife. In der schönen deutschen Sprache käme dies in etwa dem gleich: Man hat alles, was man sich wünscht, aber nicht, was man wirklich braucht. (Wenn man zum Beispiel auf seiner Hochzeit eine Traubenschere geschenkt bekommt, für die Weintrauben, die man gar nicht so gern isst, weil man lieber einen selbst gepflückten Apfel von einem wildwüchsigen urdeutschen Apfelbaum verputzt, den man gemeinsam entdeckt hat.) Und in Hinarbeit auf unsere Cremepröbchen wandeln wir eingangs erwähntes Sprichwort so ab, dass es jeder bundesdeutsche Verbraucher unmissverständlich versteht: Jetzt haben wir schon den Goldenen Westen und sind immer noch nicht glücklich!

Ergibt sich also die Frage: "Woran liegt das (zum Teufel nochmal)???"

Wenn man in einen (politischen) Rahmen gequetscht wird und zwar völlig egal, ob man nun wollte oder nicht, denn man steckt ja nun mal mit drin, sollte man sich auch über die "Rahmenbedingungen" im Klaren sein. Da wir uns in unserem Lande für die weltweite Creme de la Creme der "Eingerahmten" halten, sollten uns Sahneschnittchen auch die Inhaltsstoffe interessieren, aus dem der Rahm(en) nun eben mal ist - oder?

Um meine Unkenntnis auszuleuchten und meine geneigte Leserschaft mit Wissenszuwachs zu beschenken, habe ich nach umfangreicher Internetrecherche - sprich einem Klick in ein Internetlexikon - folgendes Rahmensprengendes herausgefunden: wir leben doch tatsächlich in einem demokratischen und sozialen Bundesstaat, in dessen Grundgesetz von einer Gesellschaftsordnung ausgegangen wird, in deren Mittelpunkt die Würde und Freiheit des Individuums stehen. Joah. Hm. Naja...

Demokratisch. Sozial. Würde. Und Freiheit. Und nochmal. Demokratisch, sozial, Würde und Freiheit. Ist es nicht immer wieder faszinierend wie weit Theorie und Praxis auseinanderklaffen können? Wahnsinn - oder? Oh ja - Sie dürfen laut schmunzeln bis hin zu Sie dürfen sich vor Lachen krümmen - und zwar genau jetzt!!!

Wie ich die Kurve kriegen will zwischen dem Grundgesetz und einer Kosmetikprobe??? Na mal gucken! Zu dieser Kurvendiskussion gehören jedenfalls jene 4 soeben in Frage gestellten Eckpfeiler unseres Bilderrahmens, in dem wir das Abbild unserer Selbst sind. Und um dieses Abbild zu pflegen, stellte kürzlich eine marktführende Kosmetikfirma aus dem schönen süddeutschen Örtchen Beiersdorf (ich freue mich jetzt schon auf die kleinen Klugscheißer) meiner kleinen ostdeutschen Briefkastenhausgemeinschaft eine kleine Unmenge ihres neuesten Pflegeproduktes kostenfrei zur Verfügung - exakt 8 ml Intensivpflege pro Haushalt. Oder um es noch plakativer auszudrücken: Westcreme im Osten - das ist doch der Knaller! Welche Freude!!!

Aber weit gefehlt! Der freudige Götterfunken wollte einfach nicht überspringen! Ja, er wurde sogar übergangen! Und das unfreiwillige Kosmetikgeschenk landete im Minutentakt oder 8-ml-weise im Hauspapierkorb, frei unter dem Motto: "An mein Gesicht kommt nur Wasser und das, was ich möchte." So. Was haben wir es denen aber gezeigt! Wir sind nämlich ein stolzes Völkchen mit Freiheit und Würde! Wir wollen nix geschenkt haben. Und schon gar nix mehr aus dem Westen jetzt 27 Jahre nach dem Mauerfall! So.

Hm. Früher... Ja früher lebten einige Deutsche im Sozialismus und freuten sich wie die Schneekönige über jedes Fitzelchen eines kapitalistischen Markenproduktes! Da wäre das nicht passiert! Aber heute...? Nee, nee, heute, da nehmen wir solche prophanen Geschenke nicht mehr an! Mit würdevoller Freiheit und freiheitlicher Würde landen die unbeliebten Give-Aways im nicht getrennten Hausmüll. Ein völlig sozialer Akt gelebter Demokratie! Wie genial ist das denn? Boah, ey, Alter - 21. Jahrhundert ist doch sowas von endgeil!!!

Im Kapitalismus, den wir offiziell nicht haben, funktioniert das nämlich so: man kriegt nix mehr geschenkt - man beschenkt sich selbst! Und zwar gleich mit einem glänzenden Paket (neudeutsch: glossy box) vollgestopft mit einer Fülle von unnützen kostenlosen Kosmetikproben, die man sich monatlich für ca. 20 Euro auch noch liefern lässt! Ziemlich clevere Idee für die ziemlich bildungsfernste Schicht der deutschen Eingerahmten! Der Gewinn aus dieser Geschäftsidee müsste eigentlich ins Galaktische gehen bei der Masse an verschwendungsfreudiger Zielgruppe, die unser umstrukturiertes Bildungssystem hervorbringt. Ganz ehrlich? Wer bezahlt für Etwas, was man pfundweise an jeder deutschen Ecke hinterhergeworfen bekommt??? Ist das die demokratisch-soziale, würdevolle Freiheit eines deutschen Individuums??? Na, ick weeß ja nich...

So! Und jetze mal uffjepasst, Ihr Süßrahmigen! Ganz besonders die, die et imma noch nich jeschnallt haben: Wir befinden uns im Geld-regiert-die Welt-Modus. Je mehr Taler Du hast, umso mehr kannste mitregieren. Es soll mal Einer probieren, den Gegenbeweis anzutreten! Oder probieren Sie doch mal selbst, im Supermarkt ohne Geld einzukaufen! Der demokratische Kapitalist will an Dein Gespartes bzw. an die paar Piepen, die Du überhaupt hast - nix Anderes hat der gute Mann im Sinn! Umsonst ist der Tod und der kostet auch noch das Leben, meint der Berliner Volksmund, und heutzutage kostet es die Hinterbliebenen meist noch eine Menge Bestattungseuronen - stimmt`s? Auf der Erdoberfläche haben sie aber noch nie jemanden tot liegen gelassen - schon mal aufgefallen? Und dem Gevatter Tod ist es wahrscheinlich auch ziemlich Currywurscht, ob Du Dein Gesicht mit ost- oder westdeutscher - oder was noch verpönter wäre - gar ausländischer Pflegecreme ruiniert hättest... Kannste glauben!

Oder gibt es eine weltweit existente kostenfreie Pflegecremeprobe, die nicht glossyboxig daherkommt? Bin ich jetzt durch meine neue Heimatliebe dazu gezwungen, inländische Chemikalien in meine dämliche Gesichtsruine zu schmieren? Haben die Insassen eines Stasi-Gefängnisses eigentlich zu laut nach internationalen Pflegeprodukten gebrüllt und wurden deshalb noch enger eingerahmt als alle Anderen? Was nützt mir als Endverbraucher die Neue Freiheit unzähliger Gesichtsfette, wenn ich sie erstens gar nicht haben will und mir zweitens gar nicht leisten kann? Was genau ist denn bei dem Ruf nach demokratischer Freiheit und sozialer Menschenwürde schief gegangen? (Und das etwas schief gegangen sein muss, erkennt man daran, dass am Ende des Geldes immer noch soviel Monat übrig ist, in dem ich meinen olympischen Körper aber auch pflegen muss.) Wir fallen so oft aus dem (kosmetischen) Rahmen - warum drückt man uns denn eigentlich hinein?

Und das ist dann auch noch die Welt, in der ich lebe - erklär`sie mir bitte, ich find`sie nämlich blöd!