Mittwoch, 27. Januar 2016
Die völlig verpeilte Regenschirm-Trulla an der zu engen Straßenbahnhaltestelle
Kennen Sie das??? Ich bin mir da völlig sicher - Sie kennen das! "Was denn?", werden Sie nun fragen. Und ich sage es Ihnen einfach mal frei heraus: Es regnet manchmal in Berlin! Also echt und wirklich - es regnet auch in der deutschen Hauptstadt! "Ach, nee!", könnten Sie da sagen. Was für ein umfangreiches Weltwissen ich doch wieder durchs Internet werfe - ich weiß! Und meine geneigten Leserinnen und Leser, Sie dürfen gern anfangen zu schmunzeln!

Aber erlauben Sie mir die Frage, warum sich manche Menschen dann so hektisch-über-den-Ecktisch-mäßig durch die tröpfelnde Luftfeuchtigkeit kämpfen? Ja, ich weiß, wir sind alle süß, aber nicht aus Zucker. Ja, und ich weiß auch, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur schlechte Kleidung. Aber ganz ehrlich, Ihr Lieben, wird man - bzw. in diesem Text frau - weniger nass, indem durch den Regen gerannt wird? Ich dachte immer, das klappt nur bei den ganz dürren Mitmenschen, bei denen nur jeder dritte Regentropfen ein Treffer ist... Naja... Unerklärliches physikalisches Phänomen...

Auf alle Fälle verfallen manche Zeitgenossen um mich herum in panische Hektik, wenn es etwas Niederschlag gibt und ich frage mich immer, ob ich diesen "lebensbedrohlichen Zustand" verkenne, wenn ich mich dieser Gruppendynamik nicht anschließe oder, ob ich einfach eine coole Socke bin, die Regen im herbstlichen Mitteleuropa für etwas völlig Normales hält? Wenn man der einzige Richtigfahrer bei lauter Geisterfahrern ist, muss man diese Situation ja auch überdenken und den Blickwinkel ändern - stimmt`s?

Nun ja, über eben diese Gedanken grübelnd hüpfe ich zusammen mit allen anderen an der Haltestelle Wartenden in die Straßenbahn und freue mich über ein temporär trockenes Plätzchen an diesem frühen Morgen, der da so übelst nass daher kam...

Wenige Stationen später quälen sich alle müden Gesichter wieder aus der Tram heraus, um abermals durchs Getröpfel zu flitzen und zwar, um das nächste öffentliche Verkehrsmittel zu erreichen, welches an regnerischen Tagen natürlich so eng getaktet ist, dass alle Fahrgäste in kollektivem Stress durch die Bahnhöfe toben... Ja, ich weiß, es ist schon wieder Weltwissen vom Feinsten! Ist halt unheimlich spannend, was so morgens in Berlin los ist - bitte jetzt abermals schmunzeln!

Und das Spannende dabei ist, dass sich der Regenschirm einer der Raus-Hüpf-Frauen eben nicht aufspannen ließ, jedenfalls nicht so, wie ein Schirm nun mal funktionieren sollte. Und damit noch mehr Spannung aufkommt, sucht sich die Regenschirmfrau für ihren Kampf mit eben demselben ein Wegstückchen aus, dass Wegbeschreiber als ein Nadelöhr bezeichnen würden, und verstopft dieses mit ihrer körperlichen Anwesenheit. Die Reaktionen der öffentlich-gehetzten Passanten waren dann sehr angespannt und zum Teil hatte die Regenschirm-Trulla den Bogen auch überspannt...

Ich nenne solche Leute die "Nicht-Mitdenker". Englischsprachige Zeitgenossen meinen dann auch oft "She is from that family Me-Myself-And-I." Es ist manchmal schon von Vorteil, im Großstadtdschungel alles um sich herum ausblenden zu können - das ist sehr richtig mitgedacht, Ihr Lieben! Aber, wenn man durch die eigene Ausblendtechnik zum Hindernis oder gar zur Störung für seine Mitmenschen wird, ist das einfach falsch vom Sozialverhalten her!

Dat Kampf-Schirm-Mäuschen stand nämlich ziemlich ungünstig im Weg für eine größere Traube von Leuten, die - wie die Berliner Großschnauze nun mal so ist - ihrem Unmut auch sofort Luft machten, die Schreiberin dieser Anekdote mit eingeschlossen. "Aus dem Weg!" "Steh´hier nicht so blöde rum!" "Dollet Plätzchen haste Dir aber ausjesucht, Mädel!" "Weiterloofen - aber zack zack!" "Wie kann man nur so verpeilt sein!" "Oh, nee, geht`s noch!" Und ein stadtteilbekannter, liebenswürdiger Mann mit Freifahrtschein meinte sogar: "Sach schnell - wat giebt`s? Bananen oder Apfelsinen?" Spätestens da musste auch ich lachen und spätestens jetzt hatte auch die Regenschirm-Trulla gerafft, dass sie einfach mal im Weg stand! Wahnsinn! Was für eine geistige Höchstleistung morgens vor 7 Uhr! Boah, ey, Alter!

Ein Mann, der unmittelbar hinter der Schirmchen-Trine lief, hätte beinahe so eine Regenschirmspitze ins Gesicht bekommen und hatte sich deshalb ganz schön erschrocken, sein Gesicht anschließend zur Faust geballt. Eine Frau mit Kind an der Hand wäre fast auf die Frau aufgelaufen, konnte aber ihr Kind noch schnell wegzerren. Ein Junge mit Schultasche stieß beim Ausweichen der Frau mit seiner Hüfte an einen Fahrradlenker, was hörbar schmerzte. Ein Student mit heißem Coffee-To-Go-Pot in der Hand fluchte mächtig als ihm sein Heißgetränk auf Hände und Kleidung schwappte usw. Schätzungsweise 15 Passanten erlitten einen unnötigen Auflaufstau...

Jep. Und da sind sie wieder - die Fragezeichen in meinem Kopf! Brauche ich bei Regen immer ganz dringend einen Regenschirm? Muss ich den Kampf mit diesem vorher schon mal geprobt und gewonnen haben? Bin ich dazu verpflichtet, die Mitmenschen um mich herum völlig zu vergessen, um diesen Kampf zu gewinnen? Muss ich überhaupt in der Öffentlichkeit mehr an mich denken? Habe ich zu wenig Ellenbogen für den öffentlichen Nahverkehr? Hat der Hauptstadtregen etwas Lebensbedrohliches? Oder warum denken (morgendliche) SchirmkämpferInnen keinen Schritt weiter? Hat denn niemand mehr die Konsequenzen seines eigenen Handelns auf dem Schirm? Oder denkt überhaupt jeder nur noch an sich selbst - egal bei welcher Wetterlage?

Und das ist dann auch noch die Welt, in der ich lebe - erklär`sie mir bitte, ich find`sie nämlich ausgesprochen blöd!


Nachtrag von mir selbst zum Thema "Wird man bei Regen weniger nass, wenn man schneller läuft?"

Eine Antwort darauf habe ich doch tatsächlich kürzlich in dem Magazin "ReformhausKurier" vom jetzigen Januar 2016 auf der Kinder-Seite 57 gefunden, bei der man "Schlau mit der Maus" wird: das "haben Forscher untersucht und herausgefunden, dass unser Kopf und unsere Schultern tatsächlich weniger nass werden, wenn wir schnell laufen. Aber wir werden ja nicht nur von oben nass. Wenn wir rennen, dann kommt der Regen von vorne und macht Bauch und Beine nass. Das Verblüffende ist, dass wir von vorne - ganz egal wie schnell oder wie langsam wir sind - immer gleich nass werden." Ergo: schneller laufen bringt schon etwas! Aber: andere Menschen mit dem eigenen Regenschirm aufspießen bringt nix als Ärger - bitte jetzt schmunzeln!

Spießige Grüße von Ihrer Victoria McJustice